13/08/2026 0 Kommentare
Geschichte der Gustav-Adolf-Kirche
Geschichte der Gustav-Adolf-Kirche
# 1.3 Geschichte Gustav-Adolf

Geschichte der Gustav-Adolf-Kirche
Die Geschichte der Gustav-Adolf-Kirche
Die Geschichte der Gustav-Adolf-Kirche ist eng mit der Entwicklung des nördlichen Charlottenburgs verbunden. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in diesem damals noch jungen Stadtgebiet stark. Aus dem früher wenig bebauten Gebiet rund um Kalowswerder entwickelte sich ein dicht besiedelter Arbeiter- und Wohnbezirk. Fabriken, die Gasanstalt und das Elektrizitätswerk boten Arbeitsplätze, neue Wohnhäuser entstanden und immer mehr Menschen zogen in den Norden Charlottenburgs.
1915 wurde der Gemeindebezirk Luisen II (Nord) als selbstständige Gemeinde gegründet. Seit 1920 trägt die Gemeinde den Namen Gustav-Adolf-Gemeinde. Zu diesem Zeitpunkt gehörten rund 21.000 evangelische Menschen zur neuen Parochie. Eine eigene Kirche gab es allerdings zunächst nicht. Die Gemeinde versammelte sich in der Wiebeschule, in Wohnungen und Gaststätten; für besondere Gottesdienste konnte die Lietzow-Kirche genutzt werden. Die finanziellen Möglichkeiten der damals eher armen Gemeinde reichten für einen eigenen Kirchenbau zunächst nicht aus.
Der Weg zur eigenen Kirche
Der Wunsch nach einer eigenen Kirche blieb jedoch bestehen. Während des Ersten Weltkriegs waren erste Pläne für einen Kirchenbau am Goslarer Platz aufgegeben worden. Anschließend rückte der damalige Gustav-Adolf-Platz, der heutige Mierendorffplatz, in den Mittelpunkt. 1924 wurde dort ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. 123 Architekten reichten Entwürfe für eine moderne Großstadtkirche mit Gemeinderäumen und Wohnungen ein. Das Verfahren führte jedoch nicht zum Bau, unter anderem weil die Stadt wegen des zunehmenden Verkehrs Bedenken gegen den Standort hatte.
Ende der 1920er-Jahre konnte schließlich ein Grundstück an der Ecke Herschel- und Brahestraße erworben werden. Es lag zwar am Rand des damaligen Gemeindegebietes, befand sich aber in einem neu entstehenden Wohngebiet südlich des Bahnhofs Jungfernheide. Für den Bau gewann die Gemeinde den Architekten Professor Otto Bartning, der bereits durch innovative Kirchenbauten bekannt geworden war. Bartning sollte eine Kirche mit etwa 1.000 bis 1.200 Plätzen sowie Gemeinde- und Pfarrhaus errichten.
Ein außergewöhnlicher Kirchenbau
Bartnings Entwurf war für die damalige Zeit ungewöhnlich. Die Kirche entwickelt sich fächerförmig von der Straßenecke und dem Turm aus. Der Turm bildet das weithin sichtbare Zeichen an der Kreuzung, während sich der Kirchenraum dahinter auffächert. Kanzel und Altar liegen am Fuß des Turmes. Die Sitzreihen und die Empore sind so angeordnet, dass sich der Raum auf diesen Mittelpunkt ausrichtet.
Damit verband Bartning Architektur und Gottesdienst auf besondere Weise: Die Gemeinde sollte nicht einfach vor einem Altar sitzen, sondern sich räumlich um das Zentrum des Gottesdienstes sammeln. Der Kirchenraum sollte Gemeinschaft sichtbar und erlebbar machen. Auch die Konstruktion selbst folgt diesem Gedanken. Vom festen Turm spannen sich leichte Konstruktionselemente hinüber zum Emporenring und bilden den weit geöffneten Kirchenraum.
Am 6. November 1932 wurde der Grundstein gelegt – am 300. Todestag des schwedischen Königs Gustav Adolf. Die Grundsteinlegung fiel zugleich auf das Reformationsfest und wurde von vielen Gemeindemitgliedern und Anwohnern begleitet. In einer Zeit großer Arbeitslosigkeit war der Kirchenbau auch ein wichtiges Arbeitsprojekt für Handwerker und Arbeiter aus der Umgebung.
Nach rund zwei Jahren Bauzeit wurde die Gustav-Adolf-Kirche am 16. September 1934 eingeweiht. Die Einweihung selbst war allerdings stark von der nationalsozialistischen Zeit geprägt. Die „Deutschen Christen“ und örtliche NS-Parteiorganisationen bestimmten das Bild der Feier; Reichsbischof Müller leitete den Gottesdienst. Die politischen Ereignisse dieser Jahre hinterließen auch innerhalb der Gemeinde ihre Spuren.
Die Kirche im Gemeindeleben
Trotz der schwierigen politischen Situation wurde die neue Kirche schnell zum Mittelpunkt des Gemeindelebens. Sie bot Raum für Gottesdienste, Bibelstunden, Konfirmanden- und Jugendgruppen, Kinderkreise und die Frauenhilfe. Auch Gemeindebüro und Rendantur fanden hier ihren Platz.
Architektonisch sorgte die Kirche von Beginn an für Aufmerksamkeit. Fachleute würdigten Bartnings mutigen Umgang mit neuen Formen und Materialien. Auch die Akustik wurde besonders hervorgehoben. 1937 fand das „Fest der Evangelischen Kirchenmusik“ statt, dessen Hauptveranstaltungen in der Gustav-Adolf-Kirche stattfanden. Künstler, Chöre und zahlreiche Zuhörer kamen zu den Konzerten.
Bartning legte großen Wert auf die natürliche Wirkung der Materialien. Holz, Klinker, Muschelkalk und Glas prägen den Innenraum. Eine besondere Rolle spielen die großen bleiverglasten Fenster, deren warme Farben dem Kirchenraum sein charakteristisches Licht geben. Zusammen mit der Weite des Raumes, dem Holz der Decke und dem hohen Turm entsteht eine Atmosphäre, die bis heute den besonderen Charakter der Kirche ausmacht.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau
Die Geschichte der Kirche wurde jedoch schon nach wenigen Jahren durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Am 4. September 1943 wurde die Gustav-Adolf-Kirche durch Bomben schwer beschädigt und unbenutzbar. Weitere Angriffe folgten. 1945 brannte schließlich auch das Obergeschoss des Gemeindehauses aus. Die Kirche stand ohne Dach, der Turm war beschädigt, doch wichtige Teile der Konstruktion – insbesondere die Betonjoche und der Emporenring – hatten die Zerstörung überstanden.
Nach Kriegsende begann die Gemeinde umgehend mit dem Wiederaufbau. Sie sammelte Spenden und wandte sich schließlich an Otto Bartning. Obwohl die finanziellen Mittel knapp waren, setzte er sich für den Erhalt seines Bauwerks ein. Von 1949 bis 1951 leitete Bartning den ersten Wiederaufbau. Die Kirche wurde zunächst in vereinfachter Form wiederhergestellt und am 7. Juli 1951 mit einem Festgottesdienst erneut in Dienst genommen.
In den folgenden Jahren wurde die Kirche weiter erneuert. 1958 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Zwischen 1960 und 1962 erfolgte eine weitgehend originalgetreue Rekonstruktion, bei der die ursprüngliche Gestalt und Innenausstattung möglichst genau wiederhergestellt werden sollten. Otto Bartning konnte diesen zweiten Wiederaufbau nicht mehr begleiten; er starb 1959. Am 15. April 1962 wurde die rekonstruierte Kirche erneut feierlich eingeweiht.
Ein lebendiger Ort bis heute
Auch nach dem Wiederaufbau entwickelte sich die Kirche weiter. 1972 wurde eine neue, dreimanualige Kleuker-Orgel eingeweiht. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Gebäude immer wieder instandgesetzt. Ende der 1980er-Jahre konnte beispielsweise die Fassade umfassend saniert werden.
Die Gemeinde hat dabei immer wieder neue Möglichkeiten entdeckt, den besonderen Raum zu nutzen. Neben Gottesdiensten finden Konzerte, Vorträge, Spiele, Feste und gemeinsame Essen statt. Der Kirchenraum eignet sich ebenso für große Veranstaltungen wie für kleine Andachten. Auch der Hof und der Kirchgarten sind zu wichtigen Erweiterungen des Kirchenraums geworden.
Heute ist die Gustav-Adolf-Kirche ein markanter Ort im Kiez und ein bedeutendes Beispiel des modernen Kirchenbaus. Ihre ungewöhnliche Architektur, die Geschichte ihrer Zerstörung und ihres Wiederaufbaus und ihre lebendige Nutzung verbinden sich zu einer besonderen Geschichte. Die Kirche ist Gottesdienstraum, Kulturort und Treffpunkt zugleich. Sie bietet Raum für Stille und Gebet ebenso wie für Musik, Feste, Begegnung und gemeinsames Feiern.
Mehr als 90 Jahre nach ihrer Einweihung ist sie damit weiterhin das, was sie von Anfang an sein sollte: ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen.
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