Plötzenseer Totentanz
Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist die Gedenkkirche Plötzensee durch die Bilder des "Plötzenseer Totentanzes" des Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka.
Auf 16 Tafeln von je 3,50m Höhe und 0,99m Breite greift Hrdlicka das Motiv der mittelalterlichen Totentänze auf und verweist damit auf die heutige Bedrohung der Menschen und Völker durch Gewalt, Macht und Willkür. Auf allen Tafeln sind zwei Rundbogenfenster zu sehen sowie ein Balken mit Fleischerhaken – ein Hinweis auf den ehemaligen Hinrichtungsschuppen im nahegelegenen Gefängnis Plötzensee (heute Gedenkstätte Plötzensee). Die Tafeln heißen unter anderem: "Kain und Abel", "Ausrottung einer Minderheit", "Die Guillotine", "Massenhinrichtung in Plötzensee". Mit dem Bild "Emmaus-Abendmahl-Ostern" findet der Zyklus einen hoffnungsvollen Abschluss.
Besichtigung:
Do 16-18 Uhr ("Offene Kirche", Ansprechpartner des Ökumenischen Gedenkzentrums Plötzesee sind vor Ort)
Mo-Do 10-12 (ohne Gewähr)
Vor und nach Veranstaltungen und Gottesdiensten
Führungen bitte anmelden bei:
Pfr. i.R. Michael Maillard, Tel. 030-3942488, kontakt@gedenkzentrum.de
Die Entstehung des Plötzenseer Totentanzes
Mitte der 1960er Jahre entstand nahe der Gedenkstätte Plötzensee das Neubaugebiet Paul-Hertz-Siedlung. Dies veranlasste die Evangelische Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord, für die Menschen in dem neuen Stadtteil ein zweites Gemeindezentrum zu errichten. Von Anfang an wurde dessen Gottesdienstraum auch als Gedächtniskirche für die Opfer von Plötzensee geplant. Die damaligen Gemeindepfarrer Bringfried Naumann und Christof Karzig gewannen den Wiener Künstler Alfred Hrdlicka für die künstlerische Ausgestaltung. Dieser fertigte zunächst Entwurfszeichnungen an, die im Sommer 1969 der Gemeinde vorgestellt und im Gemeindekirchenrat diskutiert wurden. Daraufhin erteilte der GKR dem Künstler den Auftrag zur Anfertigung eines „Plötzenseer Totentanzes“. Hrdlicka schuf dann zunächst 12 Tafeln, die zur Einweihung des Gemeindezentrums Plötzensee am 1. Advent 1970 im Kirchsaal angebracht wurden. Die restlichen Tafeln (Emmaus – Abendmahl – Ostern sowie Kain und Abel) wurden 1972 angebracht.
Die Tafeln
Die Tafeln, 3,50 Meter hoch und 0,99 Meter breit, sind grundierte, 19 Millimeter dicke Tischlerholzplatten, auf die Zeichnungen mit Bleistift, Kohle, Tusche, Deckweiß und Rötel aufgetragen sind. Auf allen Tafeln sind der Stahlträger und die Eisenhaken und (bis auf eine Ausnahme) die Rundbogenfenster aus dem Hinrichtungsschuppen Plötzensee zu erkennen. Der Totentanz zeigt in locker verbundener Reihe eine Assoziationskette von biblischen und gegenwartsbezogenen Themen, welche gegen Menschen gerichtetes Unrecht, Gewalt und Tod darstellen.
Die Tafeln im Einzelnen
Westwand:
Kain und Abel – Tod im Boxring – Tod im Showbusiness – Tod eines Demonstranten (2 Tafeln)
Die Tafel mit dem Thema „Kain erschlägt seinen Bruder Abel“ eröffnet den Totentanz. Diesem nach biblischer Überlieferung ersten Mord der Menschheitsgeschichte (1. Mose/Genesis 4,1-8) stellt Hrdlicka Todes- bzw. Gewaltsituationen seiner Zeit zur Seite.
Tod einer Minderheit ist die einzige einzeln stehende Tafel. Diese Tafel hat Hrdlicka der Ausrottung der Ureinwohner Amerikas gewidmet. Sie kann als ein Mahnmal gegen jede Art von „ethnischer Säuberung“ gelten.
Ostwand:
Tod in Plötzensee: Enthauptung Johannes’ des Täufers – Massenhinrichtung in Plötzensee (2 Tafeln) – Die Guillotine
Die Überlieferung von der Enthauptung Johannes’ des Täufers (Neues Testament, u. a. Matthäus 14,3-12) bildet die biblische Bezugsgeschichte zu den Morden in Plötzensee 1933–1945. Auf den Tafeln, die im Kirchraum in der Richtung angebracht sind, in der sich der Hinrichtungsschuppen Plötzensee befinden, sind die beiden Hinrichtungsarten, die dort durchgeführt wurden, dargestellt: Die Urteile wurden zunächst seit 1937 mit der Guillotine vollstreckt. Nachdem die Guillotine durch einen Bombenangriff verwendungsunfähig geworden war, wurde das Hängen eingeführt. Hitler selbst ordnete an, dass im Hinrichtungsschuppen ein Stahlträger angebracht wurde, an dessen acht Eisenhaken als erste Opfer Mitglieder der „Roten Kapelle“ und nach dem 20. Juli 1944 neunzig Menschen, die diesen Widerstandskreisen angehörten oder als deren Helfer ermordet wurden.
Nordwand:
Kreuzigung (3 Tafeln: Linker Schächer – Gekreuzigter – Rechter Schächer)
Die Hinrichtung Jesu Christi am Kreuz (Markus 15,20-41) wird von Hrdlicka unter Aufnahme von traditionellen Elementen der christlichen Kunst dargestellt: rechts und links von Jesus die beiden Räuber („Schächer“), er selbst gekennzeichnet durch die Dornenkrone. Aber die Kreuzigung wird in den Hinrichtungsschuppen von Plötzensee verlegt: statt des Kreuzes dient der Stahlträger als Galgen, die Eisenhaken übernehmen die Funktion der Nägel. So setzt Hrdlicka Golgatha und Plötzensee in Beziehung zueinander.
Emmaus – Abendmahl – Ostern Das Emmaus-Bild wurde von Hrdlicka zuletzt in Angriff genommen und zum 1. Advent 1972 fertiggestellt. Es soll als Bild des „Auferstehungsglaubens der christlichen Gemeinde Ruhe und Frieden, Trost und Überwindung, Mut und Hoffnung zum Ausdruck bringen“ (Bringfried Naumann). Biblischer Hintergrund ist die neutestamentliche Erzählung von den zwei Jüngern, die nach dem Tod Jesu in einem Fremden, der mit ihnen das Brot brach, den Auferstandenen erkennen (Lukas 24,13-35). Die Szene in Hrdlickas Emmaus-Bild erinnert an eine Gefängniszelle, mehrere Personen hocken beieinander, nach links wird ein Mann von einem Uniformierten abgeführt. Den Hinweis auf die Emmaus-Geschichte gibt die helle Mittelfigur, die – kaum erkennbar – das Brot bricht.
Zum Weiterlesen:
Christoph Markschies: Der Plötzenseer Totentanz im Evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee (= Der Kleine Kunstführer. Nr. 1316). 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Verlag Schnell & Steiner, München 2020, ISBN 978-3-7954-5026-7. (Dieses Heft enthält auch eine Vorstellung der benachbarten Sühne-Christi-Kirche.)
Vorstellung der Gedenkkirche Plötzensee im Projekt "Straße der Moderne": https://strasse-der-moderne.de/kirchen/berlin-charlottenburg-ev-gedenkkirche-ploetzensee/ (mit Abbildungend des Totentanzes in der Foto-Galerie)